Was sind Negativzinsen?
Negativzinsen bezeichnen einen Zinssatz unter null Prozent – also eine Situation, in der Sparer oder Banken nicht etwa Zinsen erhalten, sondern dafür bezahlen müssen, dass sie Geld deponieren.
Konkret bedeutet das: Wer Geld bei einer Bank oder Zentralbank parkiert, erhält nicht wie gewohnt einen Ertrag, sondern muss eine Gebühr in Form negativer Zinsen entrichten. Dieses Phänomen widerspricht dem klassischen Verständnis von Zinsen als Entschädigung für das Zurverfügungstellen von Kapital – und hat dennoch in den vergangenen Jahren real existiert.
Wer erhebt Negativzinsen – Nationalbanken oder Geschäftsbanken?
Grundsätzlich sind es Zentralbanken, die zuerst Negativzinsen einführen – meist in Form eines negativen Einlagezinses für Geschäftsbanken. Prominente Beispiele dafür sind die Europäische Zentralbank (EZB) oder die Schweizerische Nationalbank (SNB), die jahrelang Negativzinsen auf Einlagen erhoben haben.
Geschäftsbanken wiederum entscheiden individuell, ob und in welcher Form sie diese Kosten an ihre Kunden weitergeben. Ab einem bestimmten Einlagevolumen – häufig bei sehr hohen Guthaben von Privatpersonen oder Unternehmen – führten während der Negativzinsphase ab 2015 viele Banken in der Schweiz Negativzinsen für Kunden ein.
Warum gibt es überhaupt Negativzinsen?
Negativzinsen sind ein geldpolitisches Instrument, das vor allem in Phasen wirtschaftlicher Stagnation oder Deflation eingesetzt wird. Die Ziele:
- Kreditvergabe fördern: Wenn es für Banken teuer wird, überschüssiges Geld zu horten, steigt der Anreiz, es in Form von Krediten in den Wirtschaftskreislauf zu bringen.
- Konsum und Investitionen anregen: Für Sparer wird es unattraktiver, Geld zu bunkern. Unternehmen und Haushalte sollen stattdessen investieren oder konsumieren.
- Währungsaufwertung bremsen: Besonders für exportorientierte Länder wie die Schweiz können Negativzinsen helfen, den Aufwertungsdruck auf die eigene Währung zu dämpfen und so die Wettbewerbsfähigkeit der Exporte zu erhalten.
Negativzinsen sind also nicht Selbstzweck, sondern Teil eines breiteren geldpolitischen Instrumentariums zur Stabilisierung der Konjunktur und Steuerung der Inflation.
Negativzinsen in der Schweiz
Die Schweizerische Nationalbank (SNB) führte am 22. Januar 2015 zum ersten Mal Negativzinsen ein. Ziel war es, den damals zunehmenden Aufwertungsdruck auf den Schweizer Franken zu dämpfen. Die SNB sah sich in einer schwierigen Lage: Nach der Finanzkrise 2008 und der Eurokrise suchten viele Investoren nach einem sicheren Hafen – und fanden ihn im Franken, dessen Nachfrage stark stieg. Die Folge: Der Franken wertete massiv auf, was die Schweizer Exportwirtschaft und den Tourismus unter Druck setzte.
Mit einem Einlagezins von –0,75 % auf Giroguthaben, die bestimmte Freibeträge überschreiten, wollte die SNB die Attraktivität des Frankens als „Fluchtwährung“ senken. Indem sie das Parkieren von Geld in Franken unattraktiver machte, sollte der Kapitalzufluss gedrosselt und der Franken stabilisiert werden. Die Negativzinsen waren somit kein Anreiz für Wachstum im Inland, sondern ein Verteidigungsmechanismus gegen externe geldpolitische Kräfte – insbesondere gegen die expansive Politik der Europäischen Zentralbank (EZB).
Historische Entwicklung: Die Negativzinsphase von 2015 bis 2022
Nach der Einführung 2015 blieb der Zinssatz von –0,75 % über Jahre hinweg konstant – ein historisch einmaliges Tief. In dieser Zeit war die Schweiz eines der Länder mit den tiefsten Zinssätzen weltweit. Die Phase der Negativzinsen dauerte mehr als sieben Jahre und prägte die wirtschaftliche Landschaft nachhaltig:
- Banken mussten ihre Geschäftsmodelle anpassen, da Margen im Zinsgeschäft stark unter Druck gerieten.
- Pensionskassen und institutionelle Anleger kämpften mit der Herausforderung, ihre Renditeziele zu erreichen.
- Auf dem Immobilienmarkt wirkten die tiefen Zinsen stimulierend: Hypotheken waren günstig, was die Nachfrage nach Wohneigentum und Investitionsobjekten deutlich ansteigen liess.
Am 22. September 2022 beendete die SNB diese Ära mit einer Zinsanhebung auf 0,5 %, nachdem sie zuvor den Leitzins auf -0,25 % angehoben hatte. Damit reagierte sie auf die weltweit stark gestiegene Inflation infolge der Corona-Pandemie, unterbrochener Lieferketten und des Ukraine-Kriegs. Die geldpolitische Wende kam spät, aber entschlossen – und bedeutete vorerst das Ende der Negativzinsen in der Schweiz.
Negativzinsen: 2025 wieder möglich?
Aktuelle Geldpolitik der SNB im Jahr 2025
Im Verlauf der Jahre 2024 und 2025 hat die SNB ihren geldpolitischen Kurs fortwährend gelockert. Nach mehreren Zinssenkungen liegt der SNB-Leitzins seit Juni 2025 bei 0,0 %. Der Zinsentscheid vom Juni war der zweite Zinsschritt nach unten im Jahr 2025 – bereits im März hatte die SNB den Leitzins von 0,5 % auf 0,25 % reduziert. Die jüngste Senkung wurde mit dem nachlassenden Inflationsdruck begründet. Zugleich haben sich gemäss SNB die Abwärtsrisiken für die Schweizer Wirtschaft erhöht, etwa durch die verschärften handelspolitischen Spannungen (neue US-Importzölle) und den stärkeren Franken.
Inflation und konjunkturelle Entwicklung 2025
Die Teuerung in der Schweiz hat sich 2025 deutlich abgeschwächt. Während 2022 noch Inflationsraten deutlich über 2 % verzeichnet wurden, liegt die Jahresinflation mittlerweile unter 1 %. Im Frühjahr 2025 rutschte die Teuerung sogar kurzfristig in den negativen Bereich: Im Mai 2025 betrug die Jahresinflation –0,1 %, nach noch +0,3 % im Februar.
Die SNB-Prognosen signalisieren eine sehr tiefe Teuerung auf absehbare Zeit. Gemäss der neuen bedingten Inflationsprognose der SNB vom Juni 2025 liegt die erwartete Inflation im Jahresdurchschnitt lediglich bei 0,2 % für 2025, sowie 0,5 % für 2026 und 0,7 % für 2027
Parallel dazu hat sich das Wirtschaftswachstum abgekühlt. Zwar wuchs das Schweizer Bruttoinlandprodukt im 1. Quartal 2025 ungewöhnlich stark (hauptsächlich durch vorgezogene Exporte in die USA vor Inkrafttreten der neuen Zölle). Bereinigt um diesen Sondereffekt zeigt sich jedoch ein moderates Wachstumstempo. Die SNB erwartet für das Gesamtjahr 2025 nur noch einen Anstieg des BIP um 1,0 % bis 1,5 %, ebenso für 2026.
Diese Raten liegen nahe am Potenzialwachstum der Schweiz (ca. 1,5 %) und signalisieren eine abflauende Konjunktur. Auch die Expertengruppe des Bundes hat ihre Prognose wegen der US-Zollmassnahmen nach unten korrigiert und rechnet in einem Negativszenario für 2025 mit lediglich 1,1 % Wachstum (statt 1,4 % im Basisszenario) und für 2026 mit 0,8 %. Eine Rezession steht somit nicht im Basisszenario, doch die Risiken einer deutlich schwächeren Entwicklung haben zugenommen. Zudem dürfte die Arbeitslosigkeit laut SNB-Prognose 2025/26 leicht ansteigen – ein weiterer Indikator für nachlassende Konjunkturdynamik.
Aufgrund dieser Kombination aus sehr niedriger Inflation und verhaltener Konjunktur sieht die SNB ihren Lockerungskurs grundsätzlich bestätigt. Die aktuellen Werte liegen alle im oder unterhalb des Zielbandes, sodass aus Inflationssicht kein Straffungsdruck besteht – im Gegenteil, die SNB möchte einem zu tiefen Preisdruck entgegenwirken. Die zentrale Frage bleibt jedoch, ob die aktuelle geldpolitische Lockerung ausreicht oder ob zusätzliche Schritte – darunter potenziell Negativzinsen – erforderlich werden, falls sich die wirtschaftliche Lage weiter eintrübt.
Haltung der SNB zu erneuten Negativzinsen
Die SNB-Führung signalisiert in ihren öffentlichen Äusserungen grosse Zurückhaltung gegenüber der Wiedereinführung von Negativzinsen – schliesst sie im Notfall aber nicht aus. Ausdruck dieser Vorsicht ist bereits die Entscheidung, im Juni 2025 nur bis auf 0 % zu gehen und (noch) nicht darunter. SNB-Direktor Martin Schlegel räumte ein, dass Negativzinsen unerwünschte Nebenwirkungen hätten und man dieses Instrument daher nicht leichtfertig einsetze.
Gleichzeitig hält sich die Nationalbank die Option offen, im Extremfall doch wieder zu diesem Mittel zu greifen. Schlegel machte klar, dass Negativzinsen sehr wohl eine Option bleiben, beispielsweise im Falle einer schweren Rezession. Damit bleibt klar: Negativzinsen sind kein bevorzugtes Instrument der SNB, aber im Ernstfall ein letztes Mittel.
Wie wahrscheinlich sind Negativzinsen 2025?
Viele Ökonomen gehen aktuell davon aus, dass eine Rückkehr zu Negativzinsen in der Schweiz möglich, aber nicht hoch wahrscheinlich ist. Dennoch bleibt Negativzins ein realistisches Szenario für den Fall eines gravierenden Abschwungs oder neuer Schocks. Mehrere Faktoren könnten die SNB zum Umdenken zwingen: Sollte beispielsweise eine Rezession drohen (etwa infolge eskalierender Handelskonflikte oder anderer externer Schocks), würde der Druck steigen, weitere geldpolitische Munition einzusetzen – in letzter Konsequenz auch Negativzinsen. Ebenso könnte eine plötzliche Aufwertung des Frankens in unsicheren Zeiten (Safe-Haven-Flucht in den CHF) die SNB nötigen, mit Strafzinsen gegenzusteuern, um eine Deflation zu verhindern.
Die aktuelle Marktlage und der Konsens unter Ökonomen deuten jedenfalls darauf hin, dass Negativzinsen keineswegs ausgeschlossen sind, aber eher als Notfallszenario für ein deutlich schlechteres Umfeld gelten. Der Basistrend für 2025 ist ein Nullzinsumfeld mit sehr geringer Inflation und verhaltenem Wachstum – in diesem Umfeld dürfte die SNB zunächst keine Negativzinsen einführen.
Auswirkungen der Negativzinsen auf verschiedene Akteure
Die langanhaltende Phase negativer Zinsen in der Schweiz hatte tiefgreifende Auswirkungen – nicht nur auf den Finanzsektor, sondern auch auf Privatpersonen und Unternehmen. Das klassische Verhältnis zwischen Sparen, Kreditvergabe und Erträgen geriet ins Wanken, was neue Herausforderungen und Strategien erforderlich machte.
Privatpersonen: Sparen verliert an Attraktivität
1. Gebühren auf Sparkonten: Zwar schreckten viele Banken zunächst davor zurück, Negativzinsen direkt an Privatkunden weiterzugeben. Doch mit zunehmender Dauer der Negativzinsphase und wachsendem Einlagenvolumen wurden immer häufiger Negativzinsen auf Sparkonten eingeführt – insbesondere für Kunden mit sehr hohen Guthaben.
2. Ausweichstrategien: Viele Sparer reagierten mit Alternativen zur klassischen Kontoführung. Einige Kundinnen und Kunden zogen höhere Summen vom Konto ab und lagerten sie in Schliessfächern oder zu Hause – trotz Sicherheitsrisiken. Das niedrige Zinsumfeld lenkte ausserdem das Interesse verstärkt auf Immobilien, Aktien oder Fondsanlagen. Dadurch erhöhte sich das Risiko für Anleger, die zuvor vorwiegend sicherheitsorientiert gespart hatten.
Unternehmen: Liquidität wurde zur Belastung
1. Kosten durch Einlagen: Auch Unternehmen wurden zunehmend mit Negativzinsen konfrontiert. Bei hohen Kontoguthaben – etwa für Lohnzahlungen oder Betriebskapital – entstanden direkte Kosten für Liquidität. Dies betraf insbesondere exportorientierte Firmen oder solche mit hohen Umsatzvolumina.
2. Investitionsanreize: Gleichzeitig förderte das Umfeld niedriger Zinsen die Bereitschaft zu Investitionen in Maschinen, Digitalisierung oder Expansion, da die Finanzierungskosten minimal waren. Dennoch blieb die Wirkung begrenzt, wenn Unsicherheiten – etwa in Bezug auf Konjunktur oder geopolitische Risiken – überwogen.
Banken: Unter Druck und zur Anpassung gezwungen
1. Margendruck im Zinsgeschäft: Das klassische Geschäftsmodell von Banken basiert auf der Zinsmarge: Sie verleihen Geld teurer, als sie es aufnehmen. In einem Negativzinsumfeld kehrt sich diese Logik teilweise um. Banken mussten entweder Verluste auf Einlagen hinnehmen oder die Kosten an Kunden weitergeben – was ihre Rolle als Vertrauensinstitution belastete.
2. Strategiewechsel und neue Einnahmequellen: Viele Institute reagierten mit einem Schwenk zu gebührenbasierten Ertragsmodellen:
- Einführung von Kontoführungsgebühren oder Verwahrentgelten
- Ausbau von Anlageberatung und Vermögensverwaltung
- Förderung von digitalen Produkten zur Effizienzsteigerung
Auswirkungen auf den Immobilienmarkt
Die Negativzinsphase hinterliess deutliche Spuren auf dem Schweizer Immobilienmarkt. Der anhaltende Druck auf die Zinsen führte dazu, dass Hypotheken so günstig wie noch nie wurden. Zehnjährige Festhypotheken waren teilweise zu unter einem Prozent zu haben. Für viele Haushalte bedeutete das: Die monatlichen Finanzierungskosten für Wohneigentum lagen weit unter den Mietkosten für vergleichbare Objekte. Das verstärkte die Nachfrage – nicht nur bei Eigennutzern, sondern auch bei privaten und institutionellen Investoren.
Immobilienboom trotz (oder wegen) Negativzinsen
Die rekordtiefen Zinsen führten zu einem immensen Kaufinteresse an Immobilien:
- Private Haushalte suchten Sicherheit und Wertbeständigkeit.
- Pensionskassen und Versicherungen investierten in Renditeobjekte, um zumindest noch einen realen Ertrag zu erzielen.
- Entwickler und Investoren setzten auf Bauprojekte – insbesondere in peripheren Regionen, wo noch Raum für Entwicklung vorhanden war.
Preisauftrieb und Überhitzungstendenzen
Die Konsequenz dieser Entwicklung war ein kontinuierlicher Preisanstieg, insbesondere bei Einfamilienhäusern und Eigentumswohnungen. In begehrten Lagen überhitzte der Markt, wodurch das Risiko für eine Immobilienblase anstieg.
Finanzmärkte & Anlageverhalten
Nicht nur der Immobilienmarkt, auch die Finanzmärkte insgesamt reagierten empfindlich auf das Umfeld negativer Zinsen. Die Suche nach Rendite führte zu spürbaren Verschiebungen im Anlageverhalten.
Anleihen im Tief – kaum noch reale Erträge
Staatsanleihen und Unternehmensanleihen warfen negative oder kaum noch positive Renditen ab. In der Schweiz waren über Jahre hinweg selbst langlaufende Bundesobligationen negativ verzinst.
Aktienmärkte als neue „Basisanlage“
In diesem Umfeld wurden Aktien zunehmend zur „Alternativanlage“, auch für traditionell risikoaverse Investoren:
- Die Dividendenrendite vieler Blue Chips lag deutlich über dem Zinsniveau.
- Tiefzinsen erhöhten die Bewertungsmultiplikatoren und trieben die Kurse weiter an.
- Zentralbanken wirkten durch ihre Politik wie ein Sicherheitsnetz für Märkte, was die Risikobereitschaft befeuerte.
Diese Entwicklung führte jedoch auch zu Überbewertungen in einzelnen Sektoren und verstärkte die Volatilität.
Immobilienfonds & REITs
Von den Negativzinsen profitierten in der Vergangenheit besonders Immobilienfonds und börsengehandelte Immobiliengesellschaften (REITs). Sie boten Anlegern eine Möglichkeit, indirekt an der positiven Entwicklung des Immobiliensektors zu partizipieren – bei regelmässigem Ertrag und guter Handelbarkeit.
In der Schweiz gewannen insbesondere kotierte Immobilienfonds an Bedeutung, da sie regulatorisch privilegiert sind und in einem transparenten Marktumfeld operieren. Auch ihre Bewertungen stiegen deutlich, was wiederum die Diskussion über nachhaltige Renditen und Bewertungsrisiken anregte.
