Steuerwert vs. Verkehrswert: Die wichtigsten Unterschiede im Überblick

Von Benjamin Steiner
Lesezeit: 7 Minuten

Steuerwert vs. Verkehrswert: Was ist der Unterschied, wie werden die Werte berechnet und welche Rolle spielen sie bei Steuern und Verkauf?

Das Wichtigste in Kürze
  • Steuerwert vs. Verkehrswert: Der Steuerwert ist ein amtlich festgelegter Wert für die Besteuerung, der Verkehrswert entspricht dem realistischen Marktpreis einer Liegenschaft.
  • In der Regel liegt der Steuerwert deutlich unter dem Verkehrswert – je nach Kanton zwischen 60 und 90 Prozent des Marktwerts.
  • Wer eine Liegenschaft verkaufen, vererben oder neu bewerten lassen möchte, sollte beide Werte kennen und ihre unterschiedlichen Zwecke verstehen.

Was bedeutet Steuerwert vs. Verkehrswert?

Der Steuerwert ist der von der kantonalen Steuerbehörde festgelegte Wert einer Liegenschaft für steuerliche Zwecke, während der Verkehrswert dem Preis entspricht, der bei einem Verkauf am freien Markt erzielbar ist. Beim Vergleich Steuerwert vs. Verkehrswert liegt der Steuerwert in den meisten Kantonen bewusst unter dem tatsächlichen Marktwert – häufig zwischen 60 und 90 Prozent des Verkehrswerts.

Beide Werte beziehen sich auf dieselbe Immobilie, verfolgen jedoch grundlegend unterschiedliche Zwecke. Der eine dient der Berechnung der Steuern, der andere bildet die Grundlage für Kauf, Verkauf, Erbteilung, Finanzierung oder güterrechtliche Auseinandersetzung.

Der Steuerwert: Definition und Berechnung

Der Steuerwert – je nach Kanton auch amtlicher Wert, Katasterwert oder Steuerschatzwert genannt – wird von der zuständigen kantonalen Behörde festgelegt. Er bildet die Grundlage für die Besteuerung von Grundeigentum im Rahmen der Vermögenssteuer und beeinflusst indirekt auch den Eigenmietwert bei selbstgenutzten Liegenschaften.

Wer legt den Steuerwert fest?

Zuständig ist in der Regel die kantonale Steuerverwaltung oder eine spezialisierte Schatzungsbehörde. Da die Steuerhoheit bei den Kantonen liegt, gibt es keine einheitliche schweizweite Methode. Jeder Kanton definiert eigene Bewertungsverfahren, Bewertungsintervalle und Zielwerte im Verhältnis zum Verkehrswert.

Die Bewertung erfolgt entweder anhand von amtlichen Formeln, standardisierten Schätzverfahren oder – bei Einfamilienhäusern und Stockwerkeigentum – zunehmend durch hedonische Modelle. In einigen Kantonen wird der Steuerwert nur bei Handänderung, Umbau oder auf Antrag neu berechnet, in anderen findet eine periodische Anpassung statt.

Wie wird der Steuerwert berechnet?

Die Berechnung berücksichtigt in den meisten Kantonen eine Kombination aus Realwert (Landwert plus Zeitbauwert der Gebäude) und Ertragswert (kapitalisierte Mieteinnahmen oder Eigenmietwert). Die Gewichtung dieser beiden Komponenten variiert stark: Bei selbstgenutzten Einfamilienhäusern dominiert oft der Realwert, bei Renditeliegenschaften der Ertragswert.

Ein zentraler Punkt: Der Steuerwert wird bewusst konservativ angesetzt. Das Bundesgericht toleriert, dass der Steuerwert bei mindestens 70 Prozent des Verkehrswerts liegt. In der Praxis bewegen sich die Werte je nach Kanton und Immobilientyp zwischen 60 und 90 Prozent.

Wofür wird der Steuerwert verwendet?

Der Steuerwert bildet die Basis für die Berechnung der Vermögens- und Liegenschaftssteuer, falls es Letztere im Kanton gibt. 

Der Verkehrswert: Definition und Berechnung

Der Verkehrswert bezeichnet den Preis, der zum Bewertungsstichtag bei einer Veräusserung voraussichtlich erzielt würde. Er entspricht damit dem realistischen Marktwert einer Liegenschaft und wird auf Basis konkreter Marktdaten und der individuellen Eigenschaften einer Immobilie ermittelt.

Wer berechnet den Verkehrswert?

Der Verkehrswert wird üblicherweise von Immobilienmaklern, Bewertungsexperten, Banken oder unabhängigen Gutachtern ermittelt. Im Gegensatz zum Steuerwert gibt es keine amtliche Zuständigkeit – jede sachkundige Partei kann eine Verkehrswertschätzung erstellen. Für eine gerichtsfeste Bewertung, etwa bei Scheidung oder Erbstreit, ist meist ein unabhängiges Gutachten notwendig.

Methoden zur Verkehrswertermittlung

In der Schweiz haben sich drei Hauptmethoden etabliert. Die hedonische Methode ist heute Standard bei Einfamilienhäusern und Eigentumswohnungen. Sie basiert auf statistischen Modellen, die Merkmale wie Lage, Grösse, Baujahr, Ausbaustandard und Mikrolage mit tatsächlich bezahlten Transaktionspreisen vergleichbarer Objekte abgleichen.

Die Discounted-Cash-Flow-Methode (DCF) und die Ertragswertmethode werden vor allem für Renditeliegenschaften eingesetzt. Sie kapitalisieren zukünftige Mieteinnahmen unter Berücksichtigung von Bewirtschaftungskosten, Leerstandsrisiko und einem marktgerechten Kapitalisierungssatz. Die Realwertmethode (Substanzwert) spielt vor allem bei Spezialliegenschaften, Neubauten oder in Kombination mit anderen Verfahren eine Rolle.

Wofür wird der Verkehrswert verwendet?

Der Verkehrswert ist die zentrale Grösse bei Immobilientransaktionen. Er bildet die Grundlage für Kaufpreisverhandlungen, die Hypothekarvergabe durch Banken, die güterrechtliche Auseinandersetzung bei Scheidungen, die Erbteilung sowie die Berechnung der Grundstückgewinnsteuer beim Verkauf. Auch für Investitionsentscheidungen und bilanzielle Bewertungen ist der Verkehrswert massgebend.

Steuerwert vs. Verkehrswert: Die zentralen Unterschiede

Der Vergleich Steuerwert vs. Verkehrswert lässt sich anhand mehrerer Dimensionen präzisieren:

  • Zweck: Der Steuerwert dient der Besteuerung, der Verkehrswert dem Markt und Transaktionen.
  • Festlegung: Der Steuerwert wird amtlich durch die Kantone bestimmt, der Verkehrswert durch Fachpersonen anhand von Marktdaten.
  • Aktualität: Der Steuerwert wird oft über Jahre hinweg nicht angepasst; der Verkehrswert reflektiert die aktuelle Marktlage.
  • Höhe: Der Steuerwert liegt in der Regel unter dem Verkehrswert – der Unterschied beträgt meist 10 bis 40 Prozent.
  • Verbindlichkeit: Der Steuerwert ist ein Verwaltungsakt und kann angefochten werden; der Verkehrswert ist eine Schätzung ohne rechtliche Bindungswirkung, solange kein Kaufvertrag zustande kommt.

Warum liegen Steuerwert und Verkehrswert oft weit auseinander?

Die Differenz zwischen Steuerwert und Verkehrswert hat historische, systematische und politische Gründe. Kantonale Bewertungen werden nicht laufend an die Marktentwicklung angepasst, sondern in längeren Intervallen – teils nur alle 10 bis 20 Jahre – neu vorgenommen. In Zeiten stark steigender Immobilienpreise vergrössert sich die Lücke deshalb kontinuierlich.

Hinzu kommt, dass die Kantone bewusst konservativ bewerten. Ein tiefer Steuerwert schont die Eigentümer bei Vermögens- und Eigenmietwertsteuer und ist teils politisch gewünscht. Gleichzeitig darf der Wert nicht zu tief liegen, weil das Bundesgericht eine Untergrenze von rund 70 Prozent des Verkehrswerts festgelegt hat.

Die Folge: In Regionen mit starker Preisdynamik – etwa Zürich, Zug, Genf oder am Zürichsee – kann der Verkehrswert einer Liegenschaft je nach Zeitpunkt ohne Weiteres das Doppelte des Steuerwerts betragen. In Regionen mit stabileren Märkten fällt die Differenz geringer aus.

Kantonale Unterschiede beim Steuerwert

Da die Bewertungshoheit bei den Kantonen liegt, unterscheiden sich Methodik, Zielniveau und Aktualisierungspraxis erheblich. Einige Kantone – etwa Zürich – arbeiten mit relativ modernen, hedonisch geprägten Verfahren und passen die Werte periodisch an. Andere Kantone verwenden weiterhin klassische Realwert-Ertragswert-Modelle mit langen Aktualisierungszyklen.

Bedeutung beim Verkauf einer Liegenschaft

Beim Verkauf einer Immobilie ist ausschliesslich der Verkehrswert relevant. Der Steuerwert hat für die Preisfindung keine Bedeutung – er sagt nichts über den erzielbaren Marktpreis aus. Wer sich beim Verkauf am Steuerwert orientiert, riskiert, die Liegenschaft weit unter Wert zu veräussern.

Grundstückgewinnsteuer: Hier zählt der Verkehrswert

Beim Verkauf fällt in allen Kantonen eine Grundstückgewinnsteuer an. Bemessungsgrundlage ist der realisierte Gewinn, also die Differenz zwischen Verkaufserlös (Verkehrswert im Zeitpunkt des Verkaufs) und den Anlagekosten (Kaufpreis plus wertvermehrende Investitionen). Der Steuerwert spielt hier keine Rolle.

Realistische Preiseinschätzung ist zentral

Eine professionelle Verkehrswertschätzung – hedonisch, durch einen Makler oder ein unabhängiges Gutachten – ist die Grundlage jeder erfolgreichen Verkaufsstrategie. Sie liefert einen marktgerechten Ausgangspreis, verhindert überzogene Preisvorstellungen und schafft Verhandlungssicherheit. Wer den Wert seiner Liegenschaft realistisch einschätzt, verkauft schneller und in vielen Fällen zu einem besseren Preis.

Bedeutung bei Erbschaft und Schenkung

Bei Erbschaften und Schenkungen kommt es auf den Kanton an, welcher Wert massgebend ist. Für die Erbschafts- und Schenkungssteuer selbst wird meist der Steuerwert oder Repartitionswert herangezogen. Bei der internen Erbteilung unter den Erben ist hingegen der Verkehrswert massgebend – dieser bestimmt, wie viel jede erbberechtigte Person effektiv erhält.

Diese Unterscheidung ist heikel: Wird eine Liegenschaft zum Steuerwert an einen Erben übertragen, kann dies andere Erben benachteiligen und zu Ausgleichs- oder Herabsetzungsansprüchen führen. Eine unabhängige Verkehrswertschätzung schafft Klarheit und beugt Streit vor.

Steuerwert anfechten: Wann lohnt es sich?

Der Steuerwert kann angefochten werden, wenn er offensichtlich zu hoch angesetzt ist oder wenn sich die Verhältnisse wesentlich geändert haben – etwa durch Wertminderung, Beschädigung oder veränderte Nutzung. Der Weg führt über die kantonale Steuerverwaltung, meist in Form eines Revisionsgesuchs oder einer Einsprache.

Umgekehrt gilt: Ein zu tiefer Steuerwert ist aus Sicht des Eigentümers steuerlich vorteilhaft und wird selten aktiv angefochten. Bei einer Handänderung, einem Umbau oder auf Antrag wird der Wert jedoch häufig ohnehin neu festgelegt.

Steuerwert vs. Verkehrswert bei der Hypothekarfinanzierung

Für Banken ist ausschliesslich der Verkehrswert relevant. Die Belehnungsgrenze – in der Regel maximal 80 Prozent für die erste und zweite Hypothek – bezieht sich immer auf den bankinternen Verkehrswert. Dieser kann bei konservativen Instituten auch unter dem Marktpreis liegen, wenn die Bank Sicherheitsabschläge vornimmt.

Der Steuerwert spielt bei der Kreditvergabe keine Rolle. Eigentümerinnen und Eigentümer sollten sich der Diskrepanz bewusst sein: Ein tiefer Steuerwert bedeutet nicht, dass die Bank die Liegenschaft ebenfalls tief einschätzt.

Fazit

Der Vergleich Steuerwert vs. Verkehrswert zeigt zwei Werte, die sich zwar auf dieselbe Liegenschaft beziehen, aber ganz unterschiedliche Zwecke erfüllen. Der Steuerwert ist ein amtlich festgelegter, bewusst konservativer Wert für die Besteuerung. Der Verkehrswert bildet den tatsächlichen Marktpreis ab und ist die entscheidende Grösse bei Verkauf, Erbteilung, Finanzierung und güterrechtlicher Auseinandersetzung.

Für Eigentümerinnen und Eigentümer ist es wichtig, beide Werte zu kennen und ihre Rolle zu verstehen. Wer eine Liegenschaft verkaufen oder übertragen möchte, sollte sich nie am Steuerwert orientieren, sondern eine professionelle Verkehrswertschätzung einholen. Nur so lässt sich der wahre Wert einer Liegenschaft realistisch beurteilen und die richtige Entscheidung treffen.

Benjamin Steiner
Benjamin Steiner
Marketing Content Specialist

Benjamin hat einen Masterabschluss an der Universität Zürich und viele Jahre Erfahrung in der Erstellung und Redaktion von Texten. Für Neho und Strike recherchiert er aktuelle Ereignisse und Entwicklungen in der Immobilienbranche und erklärt sie unseren Blog-Lesern auf verständliche Weise.

Häufige Fragen

In den allermeisten Fällen ja. Die Kantone setzen den Steuerwert bewusst unter dem Marktwert an – meist zwischen 60 und 90 Prozent des Verkehrswerts. Das Bundesgericht verlangt allerdings eine Untergrenze von rund 70 Prozent, um eine übermässige steuerliche Bevorzugung zu verhindern. In Regionen mit stark gestiegenen Immobilienpreisen und langen Aktualisierungsintervallen kann der Verkehrswert das Doppelte des Steuerwerts oder mehr betragen. Nur in seltenen Fällen – etwa bei stark gesunkenen Marktpreisen oder überalteten Bewertungen nach oben – kann der Steuerwert dem Verkehrswert nahekommen oder ihn theoretisch übersteigen.

 

Beim Verkauf ist ausschliesslich der Verkehrswert massgebend. Er bestimmt den erzielbaren Marktpreis und bildet die Basis für Preisverhandlungen mit Kaufinteressenten. Der Steuerwert spielt beim Verkaufsprozess keine Rolle und sagt nichts über den tatsächlichen Marktwert aus. Auch bei der Berechnung der Grundstückgewinnsteuer wird der Verkehrswert – konkret der erzielte Verkaufserlös – als Ausgangsgrösse verwendet. Wer den Verkaufspreis am Steuerwert orientiert, riskiert einen erheblichen finanziellen Verlust.

 

Es gibt mehrere Möglichkeiten: Eine erste Einschätzung liefern kostenlose Online-Bewertungstools, die auf der hedonischen Methode basieren und aus Lage, Grösse, Baujahr und Ausbaustandard einen Richtwert berechnen. Für eine präzisere Bewertung empfiehlt sich eine kostenlose Vor-Ort-Schätzung durch einen erfahrenen Immobilienmakler, der lokale Marktkenntnis mit einbezieht. Für rechtlich verbindliche Zwecke – etwa Scheidung, Erbteilung oder Steuerstreitigkeiten – ist ein unabhängiges Verkehrswertgutachten eines zertifizierten Bewertungsexperten notwendig. Je nach Zweck und Genauigkeitsanspruch sollten Sie die geeignete Methode wählen.

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